Sulawesi : Roadtrip durch den Dschungel

Adventure is calling! Endlich die Tourihochburgen hinter mir lassen. Raus in die Natur – unabhängig und frei. Deshalb stand eins für mich fest: Ich will selbst fahren. Und zwar mit einem Tuktuk quer über die Insel. So der Plan.

Startpunkt Makassar

Hier, im Süden der Insel, hat sich alles entschieden, alles, was die nächsten drei Monate passieren wird. Ich landete im Regen. Und das sollte sich die nächsten Tage auch nicht ändern. Dazu kam eine Erkältung und die Tatsache, dass es Tuktuks auf Sulawesi gar nicht gibt. Hatte ich mir doch fest vorgenommen mit einem solchen Gefährt auf eigene Faust die Insel zu erkunden. Keine Touribusse, keine komfortablen Fahrer. Nein. Ich wollte unabhängig sein. Das Abenteuer erleben.

Meine erste Erkenntnis in Makassar: Ich falle auf. Mit meiner weißen Haut und den mittelbraunen Haaren. Es gibt hier offensichtlich keine Touristen. Zumindest nicht in der Nebensaison, der sogenannten Regenzeit.

Ein weiteres Indiz für die nicht touristische Gegend: Kaum jemand spricht Englisch UND niemand kann mir sagen, wo ich eine Sim-Karte bekomme. Letzteres macht es mir tatsächlich besonders deutlich, ist das doch das große Geschäft für Telekommunikationsanbieter an Touristen. Ich brauche zwei ganze Tage bis ich endlich eine lokale Simkarte in meinem Handy habe. Die eigentliche, große Mission war ja aber: ein Gefährt finden.

Was suche ich: Irgendwie hatte ich mir ein Tuktuk eingebildet. Gibt es aber offensichtlich hier nicht. Dafür fahren in der Stadt Bentor durch die Straßen – genutzt für den Personentransport.

Ich mache mich auf den Weg, spreche jede erdenkliche Person an und frage mich durch. Nein, nicht auf Englisch, sondern dank Übersetzungs-Apps – die durchaus an ihre Grenzen stoßen – in einer Mischung aus Wortfetzen und Hand und Fuß Akrobatik. Die Antwort ist eigentlich immer die gleiche: Lautes Lachen, Kopfschütteln, Freunde werden dazu geholt, die dann herrlich ungeniert in das Gelächter einstimmten. Nach einiger Zeit, wenn dann doch langsam klar wird, dass ich es ernst meine und nicht abzuwimmeln bin, folgt meist ein mehrere Seiten langer Bedenkenkatalog. Von den gängigsten Dingen wie „Sowas kann man nicht kaufen!“, „Das ist als Frau allein viel zu gefährlich!“, „Ich könne oder alternativ dürfte sowas überhaupt nicht fahren!“, „Die Polizei würde mich aufhalten und abkassieren!“ bis hin zu „Es gibt hier 7 Meter lange Schlangen, die ganze Menschen verschlingen – zuletzt zwei Fälle in 2018!“ ist auch wirklich jede Absurdität dabei. Und dann ist da ja noch die Tatsache, dass ich keinerlei Möglichkeit fand, ein Bentor, ein Tuktuk oder auch nur irgendein motorisierten Untersatz mit Dach zu kaufen. Auto ist zu teuer – und ehrlich gesagt auch zu langweilig, Motorrad bei diesem aktuellen Dauerregen auch keine Alternative. Also baue ich – der emotionalen inneren Achterbahnfahrt zum Trotz – die Bedenken der anderen beharrlich nach und nach ab.

Nächste Station: Polizeipräsidium! Wir wollen doch mal sehen, ob ich mit meinem tollen internationalen Führerschein nicht das Go bekomme, ein Gefährt meiner Wahl zu fahren. Eine Stunde und einer Truppe von 9 Polizisten um mich herum – lachend versteht sich – später, habe ich einen Polizisten auf meiner Seite. Ich konnte ihn überzeugen, dass das die beste Idee des Jahrtausends ist und ich das unbedingt machen muss. Ja, wir waren jeden einzelnen Punkt seines Bedenkenkatalogs detailliert durchgegangen. Am Ende bekomme ich ein „Joa, das sollte passen mit dem Führerschein. Aber keine Ahnung, wie die Polizei in anderen Teilen Sulawesis tickt. Am besten nicht zu viel Geld im Geldbeutel haben“. Na, das ist doch ein hilfreicher Hinweis. Leider weiß ich immer noch nicht, wo ich einen fahrbaren Untersatz herbekomme.

Ich kann nicht leugnen, dass ich so langsam anfange, über einen Plan B nachzudenken. Das glückt ungefähr so gut wie in der Mongolei, als ich versuchte mir den Trip mit dem Pferd aus dem Kopf zu schlagen. Aber was machen, wenn es sowas einfach nicht gibt. Die Bentors, die rumfahren, sind erstens alle Marke Eigenbau und zudem viel zu langsam.. und unglaublich unkomfortabel. Zudem wird man als Fahrer bei Regen trotzdem nass.

Und dann, plötzlich und wie aus dem Nichts: die große Wende. Bertus, Manager des Hostels in dem ich wohne, klopft an meine Tür: “ Simone! Simone! Ich hab was! Wir müssen los! Jetzt!“ Ein Junge hatte Flyer verteilt: Tuktuks! Oder wie sie in Indonesien heißen: Bajaj! Auf Sulawesi haben sie sogar noch einen eigenen Namen und heißen liebevoll Bemo. Bertus hatte bereits angerufen und sie haben tatsächlich genau ein gebrauchtes im Angebot. Quasi ein Jahreswagen. Immer noch sprachlos über diese plötzliche Wende fahren wir auf dem Hof des Händlers vor. Bertus übernimmt die Verhandlungen. Er will vermeiden, dass mein offensichtlicher „Touri-Status“ den Preis in die Höhe treibt. Probefahrt! Handschlag! Gekauft!

Bis zum nächsten Tag macht die Werkstatt nochmal eine Gesamtinspektion samt Ölwechsel und ich schröpfe mit Bertus die großzügigsten Geldautomaten der Stadt. Bei den Banken am Schalter war leider kein Geld zu bekommen. Und das Tageslimit ist bei einer derartigen Summe durchaus ein Thema. 25 Abhebungen später, verteilt auf zwei Kreditkarten und zwei Tage habe ich den Betrag zusammen. Da wirklich alle so ungemein besorgt um mich und meinen Trip sind, kann ich mir wohl sicher sein, dass ich ein wirklich einwandfreies Gefährt sattele. Am nächsten Tag geht es also los…

Jungfernfahrt

Bislang konnte ich mich egal wo – Ausnahme China – auf eine Sache immer verlassen, selbst in der Prärie der Mongolei: Google Maps. Bislang. Wie ich merke, ist das bereits in der größten Stadt Sulawesis anders. Einbahnstraßen, keine Möglichkeit an einer bestimmten Kreuzung abzubiegen. Google Maps führt mich gegen alle Verkehrsregeln. Die Folge: Ich drehe erst einmal ein paar Runden durch die Stadt, unfreiwillig natürlich, bis ich die richtige Straße, die mich Richtung Norden bringt, tatsächlich unter meinen Rädern habe. Es war auf jeden Fall eine gute Übung: kuppeln, schalten, navigieren, Linksverkehr und diese Verkehrsregeln. Letztere suchte ich lange und versuchte sie zu verstehen. Es gibt aber nur eine Sache, die man verstanden haben muss: Go with the flow! Und wenn da kein Flow ist, weil alles verstopft ist? – Go with the flow! Wenn man das mal verinnerlicht hat, ist das Fahren auf Sulawesis Straßen ein echtes Kinderspiel.

Ich bin also unterwegs. Mit meinem Bemo Richtung Norden. 3.500 km liegen vor mir. Dieses Gefühl kann ich kaum beschreiben. In mir hüpft alles. Da ist die Vorfreude auf alles was kommt, all das Unbekannte, das Abenteuer, die Menschen, die ich treffen werde. Und die eigene Sprachlosigkeit, dass ich tatsächlich ein Tuktuk unter meinem Hintern habe. Ich hatte es geschafft. Das, wofür ich ständig ausgelacht wurde, wofür ich Kopfschütteln erntete. Ich bin unterwegs. Irgendwo auf der anderen Seite der Welt, bei 30 Grad in meinem eigenen Bemo. Immer wieder fang ich an, einfach laut loszulachen. Und über mich selbst den Kopf zu schütteln. Mir fällt der Spruch wieder ein, den ich vor Jahren mal gelesen hatte: „Immer wenn jemand sagt: Das macht man aber nicht! … fängt mein Kopf schon mit der Planung an“. Und wieder muss ich loslachen.

Ich tuckere also mit flotten 50–60 km/h die zweispurige Straße entlang. Mein erstes Ziel: Rammang-Rammang. Gar nicht weit von Makassar entfernt. Genau richtig, für den ersten Tag. Und dann dämmert mir so langsam, worauf ich nie im Leben gekommen wäre. Und das ging so:
Ich fahre also auf der linken der beiden Spuren (Achtung: Linksverkehr) genüsslich vor mir her. Es ist einiges an Verkehr unterwegs, aber trotzdem angenehm zu fahren. Ein Blick in meine Seitenspiegel zeigt mir, dass sich da ganz schön was zurückstaut. Vor mir alles frei. Zwei Spuren. Hmm. Mein Blick geht nach rechts. Fährt da nicht neben mir ein Auto, voll gefüllt mit einer ganzen Familie, alle Fenster nach unten, alle Köpfe zu mir raus. Der Beifahrer filmt mit seinem Handy. Und zwar mich. Winken, rufen, Daumen hoch. Ganz große Party neben mir. Dafür also der Stau? Nach einer gefühlten Ewigkeit fährt das Auto dann doch weiter. Das nächste Auto taucht neben mir auf. Und das Spiel fängt von vorne an. Handykamera schießt Fotos, alle Beifahrer winken und rufen. Und das nächste Auto schließt auf.

Ich hatte ja so keine Ahnung, was die Kombination aus „Bule“ (= Touri, Ausländer) und „Bemo“ auslösen wird. Und das war erst der Anfang…

Erster Halt : Rammang–Rammang

Ca. 30 km nördlich von Makassar liegt Rammang-Rammang. Dieses kleine Dorf ist nur mit einem Boot flussaufwärts zu erreichen. Bertus hatte mir sowohl eine Unterkunft in einem netten Homestay als auch einen Bootsmann organisiert, der mit mir den Nachmittag verbringt.

Zuerst schippern wir gemütlich zu besagtem Dorf. Der Fluss schlängelt sich durch Palmenalleen, vorbei an Felsen und quer durch den Dschungel bis zu einem kleinen Anleger. Dort halten wir an und beginnen die Gegend – sprich den kleinen Ort mit ein paar wenigen, verteilt platzierten Häusern – zu erkunden. Paradiesisch liegt dieser Ort zwischen Felsen, die mich stark an Chàt Bá in Vietnam erinnern. Nur dass sie hier an Land rumliegen und nicht aus dem Meer ranken. Außerdem gibt es auch noch eine Höhle zu entdecken. Ich bin die einzige Touristin und dieser Ort lädt stillschweigend einfach zum Verweilen und Seele baumeln lassen ein.

Und dann geht’s in die andere Richtung flussabwärts. Dieses Bootschippern könnte ich noch stundenlang machen. Wir besuchen noch einen Stone Forrest. Definitiv naturbelassener als der in der Provinz Yunnan in China. Irgendwann ziehen wir unsere Schuhe aus und klettern durch Felsspalten – knietief im Schlamm steckend. Ein Funke eines Gedanken kommt kurz bei mir Stadtkind auf: „Was für Tiere wohl in diesem Schlamm leben? Kann da was beißen?“ Aber irgendwie fühlt sich der Schlamm zwischen den Zehen so herrlich weich an und den Rest der Konzentration brauche ich dafür, das Bein wieder aus dem Schlamm befreien zu können und Schritt für Schritt weiter zu gehen. Vorzugsweise ohne Hinfallen, ohne Ganzkörperschlammbruchlandung. Kleines Kinderparadies. Ich fühle mich genau so. Und pudelwohl.

Da Uyan, mein Bootsführer und Begleiter, kein Wort Englisch, ich noch kein Wort Indonesisch (außer Hallo und Danke) sprechen kann, ist es ein sehr ruhiger Ausflug. Ich werde die nächsten Wochen noch mehr ruhige Momente in Gesellschaft erleben. Und diese mehr und mehr zu schätzen lernen. Das können die Indonesier nämlich extrem gut: gemeinsam genießen – ohne den Moment tot zu sabbeln.

Zurück an unserem Ausgangspunkt tauschen wir das Boot wieder gegen seinen Roller ein. Nächster Halt: eine kleine Bar. Zack meldet sich meine vorurteilsbeladene Schubladendenke: „Ist ja klar, den Touri jetzt schnell noch in eine Kneipe führen, um dort nochmal bisschen Geld aus der Tasche zu ziehen.“ – Ich Vollidiot.

Einige Freunde kamen dort zusammen, später stieß auch mein Host dazu. Mir werden Kaffee, Wasser, ne Kokosnuss gereicht und solle mich unbedingt am Essen, das auf den Tischen steht, bedienen. Natürlich spricht niemand Englisch, aber mit Händen und Füßen geht ja bekanntlich viel. Mein Host erklärt mir später, dass sie hier zusammenkommen, wenn sie über die Zukunft philosophieren wollen. „Wovon wollen wir leben? Können wir mehr Touristen hierher bringen? Was braucht es dafür?“

Als wir später am Abend dann aufbrechen, darf ich übrigens keinen einzigen Cent für meine Getränke bezahlen und zum Essen natürlich auch nichts dazugeben. Wie gesagt: Ich Idiot.

Auf einmal trudeln auch immer mehr Kinder ein. Und urplötzlich befinde ich mich mitten in einer Unterrichtsstunde. Englisch. Und ich bin der Lehrer. Oder zumindest Co-Lehrer. Mein Host, der sich Englisch selbst beigebracht hat, meist durch englische Filme, hat vor einiger Zeit angefangen, den Kindern aus dem Ort Englischunterricht zu geben. Die Schule deckt das leider nicht ab. Die Nachfrage ist riesig. Ca. 30 kugelrunde Augen strahlen mich erwartungsvoll an. Improvisation hoch 10. Ich merke aber schnell, dass es völlig ausreicht, die Aussprache einzelner Worte und Satzphrasen zu üben – gemeinsam im Sprechchor und auch einzeln. Im Anschluss verabschieden sich alle Schüler persönlich bei mir. Sie geben mir die Hand und führen meinen Handrücken dann an ihre Stirn. Ganz selbstverständlich. Zumindest für alle Anwesenden, außer für mich. Gruppenfoto – und dann „Dada“ (=Tschüß)!

Meine Unterkunft ist einfach, aber dank der herzlichen Familie super gemütlich. Vor einigen Jahren hatte ein Hurrikan hier etliche Häuser zerstört. Nein, Versicherungen gibt es nicht. Ein solches Schicksal bedeutet meist Obdachlosigkeit für die Familien. Das Haus meiner Gastfamilie hatte aber, bis auf ein paar Risse im Dach, das Unwetter gut überlebt.

Und dann: Die erste Begegnung mit einem der hiesigen Badezimmer. Ein typisches indonesisches Badezimmer besteht aus Holzwänden oder unverputztem Mauerwerk. Darin enthalten ist ein Wasserhahn, unter dem sich eine große Wanne gefüllt mit Wasser und einer Plastikkelle befindet. Daneben gibt es eine für Asien typische, in den Boden eingelassene Toilettenschüssel, oder nennen wir es Vertiefung. Wenn man noch etwas genauer hinschaut findet man irgendwo am Boden, meist zwischen Wand und Boden, noch ein Loch. Das ist der Abfluss. That’s it. Und nein, ich habe nichts vergessen. Nicht das Toilettenpapier, auch keinen Mülleimer, keinen Duschkopf, kein Waschbecken. Wassertrog, Abflussloch und Toilettenschüssel. Das ist alles.

Bedienungsanweisung: Beim Zähneputzen einfach auf den Boden spucken – am besten Richtung Abflussloch. Mit der Schöpfkelle kurz nachspülen. Fertig. Zum Duschen einfach Wasser über den Kopf schaufeln und dabei das kalte Wasser als Erfrischung nicht als Folter wertschätzen. Für den Toilettengang – nun ja. Ich musste googeln. Stand nämlich tatsächlich ziemlich ratlos in der Örtlichkeit, mit drückender Blase. Nun habe ich ja durchaus immer Taschentücher bei mir. Aber ohne Mülleimer bringt einen das ja auch nicht unbedingt weiter. Mein Rechercheergebnis: Die rechte Hand wird zum Essen benutzt, die linke für die entgegengesetzte Seite des Körpers. Wasser nicht vergessen!

Lustig war hierzu ein Gespräch, das ich Wochen später zu diesem Thema führen werde. Die verständnislose Aussage einer jungen Sulawesierin: „Wie, nur mit Papier? Aber das wird doch ohne Wasser gar nicht richtig sauber! Ist ja ekelig!“ Soviel zum Thema Gewohnheiten und was man als ausnahmslos richtig empfindet.

Am nächsten Tag geht es auch schon weiter. Die erste längere Etappe – mit ein paar kleinen Herausforderungen… zum Verzweifeln.

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